Ökonomisches Long-Covid: Jetzt droht Deutschland der Wohlstands-Knick – WELT đŸ’„đŸ’„

Zuerst die Pandemie, jetzt das Hochwasser. Innerhalb kĂŒrzester Zeit ist den BundesbĂŒrgern bitter bewusst geworden, wie unzureichend die deutschen Institutionen auf Krisen vorbereitet sind. Auf ökonomischem Gebiet hatten sich bereits in den Jahren zuvor die Warnzeichen gehĂ€uft. So war die deutsche Industrie schon 2019 in die Rezession gerutscht, noch vor dem Ausbruch von Covid.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist jetzt mit einem Gutachten an die Öffentlichkeit gegangen, das zahlreiche strukturelle Defizite in der Krisenreaktion aufdeckt und auflistet und VerbesserungsvorschlĂ€ge macht. „Ökonomische Konsequenzen der Coronavirus-Pandemie. Diagnosen und Handlungsoptionen“ heißt die Stellungnahme der Institution, zu der zehn namhafte Wissenschaftler mitgearbeitet haben.

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Langzeitfolgen des Lockdowns

Tenor: Der Lockdown hat Deutschland zwar einerseits einen Modernisierungsschub beschert, gewissermaßen eine Digitalisierung aus der Not heraus. Zugleich drohen ökonomisch langfristige FolgeschĂ€den, die unadressiert zu einem Wohlstands-Knick fĂŒhren könnten.

Ähnlich wie eine Infektion mit dem Coronavirus gesundheitliche BeeintrĂ€chtigungen von unbekannter Dauer nach sich ziehen kann, könnte die Wirtschaft kĂŒnftig an einem Long-Covid-Syndrom leiden. Die Themengebiete, zu denen sich die Experten in der Stellungnahme Ă€ußern, sind vielfĂ€ltig: Sie reichen von der Fiskal-, ĂŒber die Wettbewerbspolitik bis hin zur Bildungspolitik.

Gerade der monatelange Ausfall von regulĂ€rem Schulunterricht könnte sich als schwere Hypothek erweisen. In der Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts ĂŒbersetzt sich mangelndes Wissen schnell in weniger ProduktivitĂ€t und Innovation und damit in weniger Wohlstand.

Quelle: Infografik WELT

Die Millionen ausgefallener Schulstunde der Lockdown-Ära können schwer wieder aufgeholt werden. Darunter leiden vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten, deren Einkommenschancen sich dadurch fĂŒr den Rest ihres Lebens verschlechtern. „Eine Erhebung unter mehr als 1000 Eltern von Schulkindern (…) ergab, dass 57 Prozent der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler im ersten Lockdown seltener als einmal pro Woche gemeinsamen Online-Unterricht hatte, nur bei sechs Prozent war dies tĂ€glich der Fall“, heißt es in der Leopoldina-Stellungnahme.

Selbst wĂ€hrend der zweiten Schulschließungen Anfang 2021 habe nur ein Viertel der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler tĂ€glich gemeinsamen Online-Unterricht gehabt, 39 Prozent maximal einmal pro Woche. Als eine Maßnahme fordern die Experten, zu denen der Bildungsforscher Ludger WĂ¶ĂŸmann von der UniversitĂ€t MĂŒnchen gehört, bei kĂŒnftigen Schulschließungen „tĂ€glich verpflichtenden Online-Unterricht per Videokonferenz fĂŒr alle SchĂŒlerinnen und SchĂŒler“.

FĂŒr die Motivation der Kinder und Jugendlichen sei es zudem wichtig, die ĂŒblichen Test- und PrĂŒfungsverfahren auch im Distanzunterricht weiterzufĂŒhren. Gerade letzteres war wĂ€hrend der QuarantĂ€ne hĂ€ufig unter den Tisch gefallen.

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Die Chancengerechtigkeit habe sich als Folge von Corona verschlechtert, diagnostizieren die Wissenschaftler und reden von langfristig hohen wirtschaftlichen Kosten: Wenn nicht gegengesteuert wird, muss bei Lernverlusten, die einem Drittel eines Schuljahres entsprechen, im Berufsleben im Durchschnitt mit rund drei Prozent geringeren Erwerbseinkommen gerechnet werden“, heißt es in der Stellungnahme. Zudem sei zu befĂŒrchten, dass sich fehlende Chancengleichheit negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt.

Eine zweite Sorge, die die Experten umtreibt, dreht sich darum, dass Deutschland bei Zukunftsinvestitionen noch weiter zurĂŒckfĂ€llt. „Die deutsche Volkswirtschaft weist seit mehreren Jahrzehnten im Trend sinkende ProduktivitĂ€tszuwĂ€chse auf“, heißt es in dem Papier der Leopoldina. Die Notwendigkeiten der Klimapolitik und die Alterung der Gesellschaft könnten das Problem verschĂ€rfen. Die Aussichten, die Herausforderungen der Zukunft ohne Einbußen beim ProsperitĂ€tswachstum zu bewĂ€ltigen, seien schon vor der momentanen Krise gedĂ€mpft gewesen.

LiquiditÀtsreserven aufgebraucht

Die Pandemie könnte die Bundesrepublik noch einmal zurĂŒckwerfen. „WĂ€hrend hierzulande FĂ€higkeiten und Sozialkapital brachlagen und zum Teil entwertet wurden, sodass bei Bildung und beruflichen Netzwerken erst einmal Wiederaufbau und Aufholprozesse in Gang gesetzt werden mĂŒssen, konnten Anbieter aus anderen Wirtschaftsregionen, insbesondere Asien aber auch weiteren europĂ€ischen LĂ€ndern, ihre Wettbewerbsposition vermutlich weiter verbessern“, bringen es die Forscher auf den Punkt. Als Folge von Corona und Lockdown fehlt es vielen Unternehmen an ausreichenden Ressourcen fĂŒr Investitionen. LiquiditĂ€tsreserven seien aufgebraucht und die Verschuldung gestiegen.

Damit Deutschland nicht weiter zurĂŒckfĂ€llt, legen die Forscher der Politik nahe, steuerliche Anreize fĂŒr Investitionen und Innovationen zu schaffen. Eine Verbesserung der Verlustverrechnung und eine vorĂŒbergehende Aussetzung der Mindestbesteuerung könnten dazu beitragen, LiquiditĂ€t zu erzeugen und Unternehmen nach der Krise schnell zu entschulden.

„Ein weiterer Weg, um zielgenau Strukturinvestitionen zu stimulieren, liegt in der Festlegung erweiterter steuerlicher Abschreibungsmöglichkeiten fĂŒr GĂŒter des Anlagevermögens. Evidenz zeigt, dass Firmen hierĂŒber ihre Kapitalinvestitionen und BeschĂ€ftigung signifikant ausweiten“, ist in der Stellungnahmen zu lesen. Da mittlere und kleinere Firmen hier besonders stark reagieren, könnte so sogar Tendenzen zur Marktkonzentration entgegengewirkt werden.

„Das Instrument begĂŒnstigt zudem nur solche Firmen, die tatsĂ€chlich investieren. Es hilft vor allem Unternehmen, die von der Corona-Krise negativ getroffen wurden, kaum ĂŒber LiquiditĂ€t verfĂŒgen und wegen gestiegener Verschuldungsquoten neue Investitionsprojekte nur schwer oder teuer extern finanzieren können.“ FĂŒr den Staat sei diese Maßnahme im aktuellen Niedrigzinsumfeld darĂŒber hinaus kostengĂŒnstig. Es wĂŒrden lediglich Steuerzahlungen in die Zukunft verschoben.

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Die Experten lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass auch strukturelle Reformen notwendig sind. Teilweise hĂ€tten die verschiedenen Institutionen schlecht miteinander interagiert. Das gelte sowohl fĂŒr die verschiedenen Stellen und Behörden innerhalb Deutschlands als auch auf europĂ€ischer Ebene. „Mit Blick auf staatliche Institutionen und Maßnahmen zu klĂ€ren, ob und wie national die BefĂ€higung zum strategischen Agieren gestĂ€rkt werden und wie sie zugleich in eine europĂ€ische Strategie eingebunden werden kann“, formulieren die Forscher.

Damit es nicht an Geld fĂŒr diese Modernisierung mangelt, raten die Experten von einer allzu rigiden Finanzpolitik ab. FĂŒr Deutschland bringen sie eine ErgĂ€nzung der Schuldenbremse durch eine neue Version der „Goldenen Regel“ ins Spiel, die es dem Staat erlauben wĂŒrde, Investitionen zu tĂ€tigen, ohne dass die Ausgaben dafĂŒr auf das verfassungsrechtlich begrenzte Defizit angerechnet werden.

Allerdings betont der Finanzwissenschaftler Eckhard Janeba von der UniversitĂ€t Mannheim, der an der Stellungnahme mitgewirkt hat, dass es sehr genau zu ĂŒberlegen sei, was als Investition in die Zukunft zu verstehen ist. Auch dĂŒrfte die Definition solcher Investitionen aus GlaubwĂŒrdigkeitsgrĂŒnden nicht stĂ€ndig modifiziert werden. Eine gut ausgestaltete europĂ€ische Arbeitslosenversicherung könne helfen, ökonomische Schocks innerhalb der EuropĂ€ischen Union abzufedern.

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Auch verstĂ€rkte Ungleichheit als Folge der Pandemie wird als Problem identifiziert. Pauschal höhere Steuern seien aber nicht die Lösung: „Steueranpassungen, die am Einkommen oder Vermögen anknĂŒpfen, schaffen keinen zielgenauen Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlierern der Krise.“

Selbst die Wahl einer Steuerbasis, die EinkommensĂ€nderungen zwischen 2019 und den Krisenjahren berĂŒcksichtigt, löse dieses Problem allenfalls unvollkommen, da die Einkommen im Zeitablauf nicht nur krisenbedingt schwanken und viele nicht-pekuniĂ€re Zusatzbelastungen nicht mit EinkommensĂ€nderungen korrelieren.

Die Besteuerung nach dem LeistungsfĂ€higkeitsprinzip fĂŒhre generell dazu, dass Haushalte mit höheren Einkommen stĂ€rker zur Finanzierung der coronabedingten Lasten beitragen als Haushalte mit niedrigeren Einkommen. Einen Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlierern der Krise schaffe das aber nicht.

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